Auswertung der Fragebogen-Aktion zur Bundestagswahl 2002

 

 

An der Bundestagswahl am 22. 9. 2002 haben 60 Bürger (1998: 105) ohne Unterstützung einer Partei ihr Bürgerrecht wahrgenommen und sich als Direktkandidat zur Wahl gestellt. Die Kandidaten haben wir gebeten, uns Ihre Erfahrungen und Meinungen anhand eines Fragebogens mitzuteilen.

 

Allgemein:
Insgesamt gab es 299 Wahlkreise, davon standen nur in 55 (18%) auch parteilose Kandidaten zur Wahl. In 5 Wahlkreisen kandidierten jeweils 2 Parteilose. Nach unseren Recherchen traten 7 der 60 Kandidaten für die „SAV“ (Sozialistische Alternative Voran) an und waren damit – zumindest nach unserem Eindruck - nur sehr bedingt parteilos und unabhängig. Auf die von uns abgesandten 60 Fragebögen erhielten wir 20 Antworten.

 

Zusammenfassung der Ergebnisse

Ihr Weg zur Kandidatur:

 1. Warum sind Sie angetreten?
Für die meisten war das fehlende Vertrauen in die Parteien ausschlaggebend für ihre Kandidatur. Auch die aktuellen Skandale wurden dafür verantwortlich gemacht. Viele versuchten so für bestimmte Ziele einzutreten. Genannt wurden dabei z. B. Emanzipation der Menschen, direkte Demokratie , Vernunft + Gerechtigkeit, Projekte statt Programme, Kunst + Politik, den Weltuntergang verhindern, Nichtwähler und Jugendliche ansprechen.

 2. Wann haben Sie erfahren, dass man parteilos antreten kann?
Nur 20% der Kandidaten haben erst kurz vor der Wahl von dieser Möglichkeit erfahren; dem Rest war dies bereits seit längerem bekannt.

 3. Durch wen?
Die Informationen dafür stammen oft noch aus der Schule und aus eigenen Recherchen (Wahlgesetze usw.). Aber auch Christoph Schlingensief’s Initiative „Chance 2000“ zur Bundestagswahl 1998 wurde mehrfach genannt.

 4. Hatten Sie Schwierigkeiten bei Ihrer Kandidatur?
Ein erfreuliches Ergebnis für unsere Demokratie und alle Wahlleiter. Schwierigkeiten mit der Kandidatur gab es nach übereinstimmendem Urteil praktisch nicht. Jedoch ein niederschmetterndes Ergebnis über viele Wähler. Die Kandidaten bemängelten überwiegend, dass die Wähler uninformiert und uninteressiert seien. Hier sind Parteien und Medien gefordert, mehr Aufklärungsarbeit zu betreiben und die Bürger wieder für politische Themen zu interessieren.

 5. Hatten Sie Helfer?
Unterstützt wurden die Kandidaten meist nur durch ihr privates Umfeld. Etwa 1/3 hatte keinerlei Helfer und war auf sich allein angewiesen. Staatliche Wahlkampfkosten-Erstattung hat keiner der Kandidaten erhalten, da diese erst ab einem Ergebnis von 10% beantragt werden kann.

Ein ungleicher Kampf gegen eine Konkurrenz aus Parteien, die mit erfahrenen Parteistrategen und ihren organisatorischen und finanziellen Möglichkeiten (jährlich dreistellige Millionenbeträge) wuchern kann.

 6. Wie waren Ihre Erfahrungen mit den Medien?
Von den Medien fühlten sich die Kandidaten oft ignoriert und zum Teil auch nicht Ernst genommen. In einem Fall musste sogar der dt. Presserat eingeschaltet werden. Es gab jedoch auch positive Berichte und überregional fanden einige Kandidaten durchaus Beachtung.

 7. Wie haben Sie im Wahlkampf auf sich aufmerksam gemacht?
Die meisten Kandidaten setzten auf selbst gefertigte Handzettel, die sie persönlich verteilt haben. Rund 60% griffen auch zu Wahlplakate und ca. 40% versuchten über das Internet auf sich aufmerksam zu machen. Eigene Wahlveranstaltungen und die Teilnahme an Diskussionen waren eher die Ausnahme (ca. 25%).

Bei den Medien standen die Presseberichte im Vordergrund, 30% wurden von Radiosendern (Interviews) beachtet und ca. 1/5 gelang es, regionale Fernsehsender zu einer Berichterstattung zu verleiten. Manch einer machte auch mit gezielten Einzelaktionen (z. B. als Ritter kostümiert oder mit einer Schärpe durch den Wahlkreis radelnd) auf sich aufmerksam. 

 8. Was war hilfreich, was weniger
Unverzichtbar scheinen persönliche Kontakte. Fast alle nannten diese als wichtigstes Wahlkampfmittel. Briefe und Faxe wurden recht selten genannt.

 9. Wer war vorher schon zu Wahlen angetreten 
Nur 25% der Kandidaten konnte auf Erfahrungen aus früheren Wahlen zurückgreifen. 10-20% haben früher einmal für eine Partei kandidiert, dieser jedoch enttäuscht den Rücken gekehrt.

 10. Mit welchen politischen Themen sind Sie angetreten?
Bei den Themen wurden überdurchschnittlich genannt: gesunde Umwelt, Friedenserhalt, soziale Gerechtigkeit, Vorschläge zu Steuern und Abgaben, Toleranz und Bildungspolitik. Ausländerstopp, innere Sicherheit und Entbürokratisierung fanden weniger Beachtung.

 11. Welche Partei würde am ehesten ihrer politischen Einstellung entsprechen?
Bei den Parteien erhielten die „Etablierten“ die meiste Zustimmung, wobei die Grünen besonders positiv eingeschätzt wurden. Ablehnend war die Haltung gegenüber REP, NPD, Schill, Christen und Violetten. Einige Kandidaten lehnen sämtliche Parteien grundsätzlich ab.

 Zukunft und Perspektiven

 12. Ihre Meinung zum Thema Parteien im Bundestag:
Parteien abschaffen will nur eine kleine Minderheit, grundlegenden Reformbedarf sehen jedoch schon 20%. Die Mehrheit wünscht sich einen gesunden Wettbewerb, der die Parteien in Zukunft zu entsprechenden Änderungen veranlassen soll - wohl ein frommer Wunsch! Eine stattliche Anzahl setzt sich auch für eine Senkung der 5%-Hürde und neue Überlegungen hinsichtlich des Wahlrechts ein.

 13. Was halten Sie von Volksabstimmungen auf Bundesebene?
Volksabstimmungen werden mehrheitlich befürwortet und nur von ca. 10% abgelehnt. Allerdings werden zum Teil Einschränkungen auf Grundsatzfragen und gemeinsame Termine genannt

 14. Möchten Sie gern weiter politisch aktiv bleiben?
Die Hälfte der Kandidaten will auch 2006 wieder kandidieren. Ein Teil ist noch unentschlossen, andere wiederum möchten sich auch an anderen Wahlen beteiligen.

 15. Wünschen Sie sich mehr professionelle Unterstützung ? 
Mehr Unterstützung wünschen sich die Kandidaten besonders in finanzieller Hinsicht, sowie bei der Pressearbeit und den Werbemitteln. 

 16. Können Sie sich vorstellen, Unterstützung von einer bundesweiten "Interessengemeinschaft für Parteilose“ in Anspruch zu nehmen?
Etwa 15% steht einer Unterstützung eher ablehnend gegenüber, ca. 35% wollen dabei auf keinen Fall ihre Unabhängigkeit verlieren. Der Rest kann sich eine Mitgliedschaft in einer solchen Interessengemeinschaft ohne besondere Einschränkungen vorstellen.   

 17. Sollten 2006 unabhängige Kandidaten in mehr Wahlkreisen antreten?
Eine eindeutige Mehrheit spricht sich für mehr unabhängige Kandidaten bei der nächsten Wahl aus und will aus diesem Grund mit uns zusammenarbeiten.

 

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